Spiegelungen der Vergangenheit

Wir fragen uns oft, wie unsere Vorfahren gelebt haben, wie sie sich verhalten haben, wie sie die Natur gesehen haben. Sonst würden wir ja keine Forschung in Archäologie und Anthropologie betreiben, um alte Zivilisationen zu studieren. Auch unterschiedliche Zivilisationen sind für uns Menschen immer wieder faszinierend. Wir sind stets neugierig, suchen Unterschiede, analysieren diese und studieren die Details.


Meistens findet sich die Antwort auf das, was wir suchen, in einer Kombination aus einer abgelegenen Gegend und ursprünglichem Stammesleben. Zumindest war das für mich der Fall, als ich in Papua ein Abbild der Vergangenheit vorfand: die Art, ein Dorf zu verwalten, zu jagen oder als Gesellschaft zu leben.


In diesem Artikel möchte ich ein wenig über die Vergangenheit nachdenken und darüber, wie diese immer noch in unserem Denken und Verhalten verankert ist, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.


Eines Tages gab es Spannungen zwischen zwei Jungs im Dorf. Plötzlich rief einer der beiden stolz: "Bist du dir eigentlich bewusst, wie mein Familienname lautet?" Er sagte das so, weil seine Familie im Dorf sehr viel Einfluss hat. Daraufhin schämte sich der andere und entschuldigte sich später bei dieser Person.


Aus diesem Vorfall habe ich gelernt, dass hinter einem Familiennamen eine gewisse Macht steht. Diese wird manchmal sogar in Situationen eingesetzt, in denen der Betroffene im Unrecht ist. In diesem Zusammenhang stellt sich mir eine andere Frage: Warum hat ein Familienname so viel Macht?


Als ich anfing, über dieses Phänomen nachzudenken, versetzte ich mich in die Lage der Menschen hier und stellte mir vor, wie ein Stamm gebildet wird. Ein Stamm ist ursprünglich unterteilt in eine herrschende Familie und die Beherrschten. Die Herrschenden bestehen aus den Ältesten und einem Stammesoberhaupt. Zusammen haben sie die absolute Macht, und die anderen sind verpflichtet, ihnen zu gehorchen. Sobald die herrschende Seite anfängt, eine Familie zu gründen, wird die Gemeinschaft durch die herrschenden Familien und die Familien der Zivilisten polarisiert. Zuerst dachte ich, dass dies nur auf abgelegene Gebiete zutrifft. Aber als ich noch einmal darüber nachdachte, wurde mir klar, dass dies auch im Mittelalter der Fall war, zur Zeit grosser Königreiche. In einigen Ländern, die immer noch eine Monarchie sind gilt dies sogar heute noch.


Aber zurück zum Thema: Damit die herrschende Familie die Kontrolle über die Gesellschaft erlangt, muss sie ihre Macht ausüben, indem sie zeigt, wer in dem Gebiet das Sagen hat. Ich behaupte dies hier, doch vielleicht ist dies nicht ganz korrekt. Vielleicht liegt die Macht in einem Stamm auch bei jenen, die mehr Familienmitglieder haben. Da dieses System auch hier seit Tausenden von Jahren gelebt wird, ist es noch immer in der Denkweise dieser Menschen verankert und bestimmt, wie sie die Macht hinter einem Familiennamen empfinden. Für Menschen wie mich, die ihr ganzes Leben in einer Stadt verbracht haben, in der die meisten Menschen ihre Macht durch Bildung und einen ordentlichen Job und nicht durch ihren Familiennamen erlangen, ist das ein wenig verwirrend. Andererseits ist dies auch nicht ganz korrekt, denn wenn ich noch einmal darüber nachdenke, ist das veraltete System der Herrscherfamilien auf der einen Seite, und der Zivilbevölkerung auf der anderen auch in der heutigen Zeig noch immer in Kraft. Ich frage mich also, warum man sich überhaupt die Mühe macht, unser System eine Demokratie zu nennen, wenn es doch eigentlich eine Oligarchie ist.


Springen wir zu einem anderen Thema im Zusammenhang mit der Vergangenheit. Eines Tages befand ich mich in einer unangenehmen Situation, in der mich jemand um einen Gefallen bat, weil er mir zuvor auch etwas gegeben hatte. Das Problem war, dass ich vergessen hatte, was das war, und aus meiner Sicht hatte ich nicht einmal darum gebeten. Doch er war trotzdem sauer auf mich, weil ich nicht bereit war, ihm zu helfen. In einem anderen Fall beschwerte sich eine Frau bei mir, dass sie jemandem geholfen hatte, aber diese Leute ihr nicht genug zurückzahlten. Dies hat mir gezeigt, ist, dass es für die meisten Menschen in Raja Ampat nichts umsonst gibt. Alles hat seinen Preis, aber die Form der Bezahlung ist eine andere als Geld.


Meistens geben sie uns etwas oder helfen uns, weil sie wollen, dass wir ihnen später etwas zurückgeben. Die Menschen nennen es Familiensystem, ein System, in dem diejenigen, die in der Lage sind, anderen zu helfen, die Verpflichtung haben, zu helfen, und diejenigen, denen geholfen wird, es ihnen später zurückzahlen müssen, wenn die Situation umgekehrt ist. Für die Menschen hier ist es normal, um einen Gefallen zu bitten, aber sie werden wütend, wenn ihnen jemand die Hilfe verweigert.


Ich erinnere mich, dass einige der Kinder verärgert waren, wenn ich mich weigerte, ihnen beim Fotografieren zu helfen. Aber wenn ich ihnen half, brachten sie mir manchmal Früchte und andere Dinge. Mit anderen Worten, dieses Verhalten ist tief in ihrer Kultur verwurzelt, unabhängig vom Alter. Ich vermute, dass diese Kultur aus der Handelskultur stammt, bevor es Geld gab und die Menschen mit Waren handelten, um ihre Bedürfnisse zu stillen. Ja, es ist eine weitere Spiegelung der Vergangenheit. Obwohl wir dies auch in der modernen Gesellschaft sehen können, wo Fähigkeiten mit Geld bewertet werden und Menschen, die etwas gut können, immer dafür bezahlt werden wollen. Ich persönlich, und vielleicht geht es vielen Menschen so, würde meinen Freunden gerne helfen, wenn sie meine Hilfe brauchen, oder ihnen auch etwas geben. Im Gegenzug hoffe ich, dass sie dasselbe tun, zum Beispiel mir ein Geburtstagsgeschenk geben. Das ist das Grundprinzip des Handels, das wir von unseren Vorfahren übernommen haben.


Es gibt noch viele andere Verhaltensweisen, von denen ich gerne erzählen würde, aber ich denke, es wäre besser, wenn die Leute diese selbst erleben. Durch das Schreiben dieser Geschichten und das Nachdenken über die Vergangenheit möchte ich Ihnen zeigen, wie sich die Menschen hier verhalten und wie die Vergangenheit uns immer noch in vielerlei Hinsicht beeinflusst. Am Anfang fühlte sich das Leben hier ganz anders an, aber je mehr ich darüber nachdenke, desto vertrauter wird es. Die Menschen sind grundsätzlich freundlich und liebenswert, wenn wir sie erst einmal verstehen, aber es braucht Zeit und die Bereitschaft, etwas Neues kennen zu lernen. Ich hoffe, dass Sie in diesem Artikel etwas Neues über die Menschen hier erfahren haben.

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