Der unerwartete Verlust

Es war im Dezember 2021 . Dies ist der Ferienmonat für alle im Dorf. Normalerweise wird einen ganzen Monat lang gefeiert, doch oft dauern die Feierlichkeiten länger. Auch die Lehrer können endlich wieder einmal nach Hause gehen. Es ist ein glücklicher Monat für alle, die im Dorf leben. Für mich war es eine seltene Gelegenheit für einen Urlaub, und ich hatte vor, nach Bali zu fahren, um meine Schwester und meine Hunde zu besuchen. Bali ist eine bekannte Urlaubsinsel in Indonesien.


Am 11. Dezember, gleich nach dem Tag des Semesterberichts, fuhr ich nach Sorong. Dies ist die nächstgelegene Stadt mit einem Flughafen. Sie ist etwa 3-4 Stunden von Sawinggrai entfernt, dem Dorf, in dem sich Child Aid Papua befindet. Nach langer Zeit sah ich endlich wieder einmal das Stadtleben. Irgendwie konnte ich nach so langer Zeit in einem Dorf die Stadt mehr geniessen als zuvor. Überraschenderweise habe ich den Lärm, die Menschen, das aktive Leben wirklich vermisst. Aber vielleicht lag es auch an der Euphorie über den bevorstehenden Urlaub.


Doch als ich auf Bali ankam, erhielt ich von meinen Lehrerkollegen eine niederschmetternde Nachricht. Sie erzählten mir, dass eine unserer geliebten Schülerinnen, die Tochter unseres Kochs, den wir gut kennen, in der Nacht zuvor verstorben sei. Ich mochte sie sehr, und ich weiss, dass sie ein guter Mensch und immer bereit war, anderen zu helfen. Plötzlich wurde aus dem glücklichen Monat ein nicht so glücklicher Monat. Es fiel mir sogar schwer zu essen, im Wissen, dass jemand, der mir nahe stand, verstorben war. Ich weiss nicht, wer gesagt hat, dass wir den Tod erst dann begreifen können, wenn er jemandem, den wir lieben, das Leben genommen hat. Aber ich weiss, dass ich mich wieder einmal so gefühlt habe. Es fing mit meiner Grossmutter an, und jetzt diese Studentin, deren Namen ich zu ihrem Schutz lieber nicht nennen möchte.


Nach ein paar Tagen beschloss ich jedoch, dass ich mir meinen Urlaub nicht vermiesen lassen wollte. Ich hatte eine Verabredung mit meiner Schwester und meinen Freunden, die ich einhalten wollte. Ja, ich war immer noch traurig. Aber ich wollte nicht, dass diese Traurigkeit mich beherrscht.

Der Monat verging schnell. Ich reiste zurück nach Sawinggrai, um meinen Unterricht wieder aufzunehmen. Am selben Tag ging ich zum Friedhof und sah die Verwandten des verstorbenen Mädchens am Grab, die immer noch weinten. Nach einer Weile, als sie sich beruhigt hatten, hatte ich endlich Gelegenheit, mit ihnen zu reden, ihnen mein Mitgefühl auszusprechen und ihnen zu sagen, dass ich verstehen kann, wie traurig sie sein müssen. Dabei beliess ich es. Ich wollte nicht weiter darüber sprechen, weil ich ihre Traurigkeit nicht noch verschlimmern wollte.


Am nächsten Tag sah ich sie immer noch heftig weinen. Es stellte sich heraus, dass sie das einen ganzen Monat lang gemacht hatten. Sie arbeiteten auch nicht. Nicht, weil sie nicht wollten, aber die Traurigkeit schien so unerträglich zu sein und jede Kleinigkeit schien die Familie an ihre Tochter zu erinnern.


Diese Kultur ist ganz anders als meine. Da wir für unsere nahen Verwandten nur maximal 2-3 Tage von der Arbeit abwesend sein dürfen, sind wir gezwungen, weiterzumachen. Unser Leben geht weiter, und indem wir Aktivitäten nachgehen, die wir normalerweise tun, versuchen wir, uns nicht von unserer Traurigkeit überwältigen zu lassen.


Ich kann zwar nicht sagen, was besser ist, aber ich weiss, dass es keinen richtigen Weg gibt, mit dem Verlust eines nahestehenden Menschen umzugehen. Aber was mich überrascht, ist, wie sich ein Todesfall auf das ganze Dorf auswirkt, auf die Kinder ebenso wie auf die Erwachsenen. Sie haben Angst, allein über den Friedhof zu gehen. Der Friedhof befindet sich direkt hinter dem zweiten Gebäude von Child Aid Papua. Sie glauben, dass es gefährlich ist, alleine zu gehen, besonders für Kinder. Die meisten von ihnen glauben, dass die Geister, die dort leben, nach weiteren Leben trachten. Das zeigt sich deutlich, wenn z.B. eine Lehrerin während der Ferien allein in der Schule ist: die Dorfbewohner kommen vorbei und bestehen darauf, dass sie auch im Dorf schlafen sollte, um nicht von den Geistern geholt zu werden.


Was die Trauerarbeit selbst angeht, habe ich versucht, meine Kollegen zu fragen, wie sie das hier machen. An dem Tag, an dem das Mädchen starb, trauerten sie gemeinsam in ihrem Haus, bevor sie zur Beerdigung gingen. Da das Haus aber nicht gross genug ist, um alle Menschen aufzunehmen, haben sich viele von ihnen ausserhalb des Hauses verstreut. Interessant war, dass sie sich in zwei Gruppen aufteilten: drinnen jene, die das Haus in einen Trauerraum verwandelten, in dem einige weinten und die anderen hysterisch schrien, und draussen diejenigen, die scherzten und miteinander lachten. Sie sagten, sie wollten die Trauer um den verlorenen Menschen lindern. Deshalb versuchten sie, so oft wie möglich zu scherzen. Diese beiden Seiten sind so unterschiedlich, dass sie Menschen, die nicht an diese Kultur gewöhnt sind, etwas seltsam vorkommen mögen.


Unmittelbar vor der Beerdigung geschah noch etwas Interessantes. Aufgrund des unterschiedlichen Glaubens wollten die Dorfbewohner das kleine Mädchen ausserhalb des Dorfes begraben. Weil das Mädchen eine andere Beerdigung brauchte, bedurfte es auch eines anderen Priesters, und sie wussten auch nicht, wie sie jemanden nach einem anderen Glauben beerdigen sollten. Auch wenn es nicht ausdrücklich gesagt wurde, vermute ich, dass sie das Mädchen ausserhalb des Dorfes begraben wollten, um die Reinheit des Friedhofs zu schützen. Sie schienen Angst zu haben, jemanden mit einem anderen Glauben auf dem Friedhof ihrer Vorfahren zu begraben. Es ist verständlich, aber gleichzeitig auch unerträglich, jemanden so etwas sagen zu hören.


Kultur und Religion dienen in diesem Zusammenhang als Grundlage für ihr Handeln. Mit anderen Worten könnte man sagen, dass sie ein moralischer Kompass für die gesamte Gesellschaft sind. Von intensiver Trauer bis hin zu einem mystischen Wesen, das umherläuft und Leben fordert, ist dies Teil ihrer Kultur. Ich gebe zu, dass es für Menschen mit säkularen Ansichten immer noch schwierig ist, den mystischen Teil zu verstehen. Andererseits basieren viele kulturelle Traditionen nicht auf unserem logischen Denken. Vielleicht braucht es daher auch einen anderen Ansatz, um sie wirklich zu verstehen.

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