"New normal" in Raja Ampat

Inwiefern die düsteren Prognosen bezüglich des Covid-19 Virus, welche von Spezialisten für das Gebiet von West-Papua prophezeit wurden, eingetroffen sind, ist schwer zu beurteilen. Die Dunkelziffer dürfte sehr hoch sein, denn die meisten Menschen in Papua suchen bei Krankheit keinen Arzt, sondern einen lokalen Schamanen auf. Dazu kommt, dass ein ‚Schnelltest‘ umgerechnet 60 EUR kostet, was einem Viertel des durchschnittlichen Monatseinkommens entspricht. Für Schweizer Verhältnisse würde ein COVID Schnelltest also rund CHF 1‘200 .- kosten. Der grösste Teil der indonesischen Bevölkerung kann sich diesen Test gar nicht leisten. Raja Ampat profitiert in dieser Pandemie jedoch von seiner Abgeschiedenheit zur nächsten Stadt. So ist es nach wie vor nicht möglich, von Raja Ampat in die nächste Stadt, oder von der Stadt nach Raja Ampat zu reisen. Raja Ampat wurde per 01.08.2020 als grüne Zone deklariert, was bedeutet, dass es momentan keine positiv getesteten Fälle mehr gibt. Aus diesem Grund war es uns nach Rücksprache mit dem Bildungsdepartement möglich, unsere Schule wieder zu eröffnen. Eine Dunkelziffer dürfe es auch hier geben, diese wird jedoch aufgrund der Abgeschiedenheit des Gebietes, sowie der sehr geringen Bevölkerungsdichte (1.3 Einwohner / km²) eher tief liegen.

Seit fünf Monaten sind wir in Raja Ampat mittlerweile mehr oder weniger von der Zivilisation abgekapselt. Der Fährbetrieb, der den Personenverkehr in die nächste Stadt sicherstellt, wurde eingestellt. Aber auch der Flughafen in Sorong ist mehr oder weniger stillgelegt. Obwohl viele Menschen ihre Jobs in der Tourismusbranche verloren hatten, musste niemand hungern. Die Einheimischen fischten, jagten Wildschweine im Wald und ernteten, was in ihren Gärten wuchs. Ist das Ökosystem intakt, betrifft es die Einheimischen hier nur bedingt, wenn sie von der Aussenwelt abgeschnitten würden. Diese Erfahrung haben wir genutzt, um ihnen die Bedeutung des Umweltschutzes zu vermitteln. Um die Dorfgemeinschaft zu entlasten und das Risiko einer Ansteckung zu senken, organisierten wir regelmässige Bootstransporte in die nächste Stadt. Wer etwas brauchte, konnte dies bei unserer Organisation bestellen.

Ein grosses Problem sind nach wie vor die Fake News. So geisterte etwa die Idee herum, dass Salzwasser das Virus abtöten würde. Bevor Leute von aussen Dörfer betreten durften, mussten sie daher ins Meer hüpfen. Ebenfalls glaubten sie, dass man um Mitternacht ein gekochtes Ei essen müsse, um eine Immunität gegen das Coronavirus zu erlangen. Es verwundert nicht, dass schon kurz nach dieser Nachricht sämtliche Eier in der Gegend ausverkauft waren. Wer mit dem Boot in Waisai (dem Hauptort von Raja Ampat) anlegt, dem wird die Temperatur gemessen. Nur wissen die Verantwortlichen des COVID-19 Team in Waisai anscheinend nicht, wo die Richtwerte liegen sollten. Denn die Geräte zeigen mal 32 Grad, mal 44 Grad Temperatur an - dies bei kerngesunden Personen notabene. Dass solche Messwerte nicht stimmen können, ist in den letzten 5 Monaten anscheinend noch niemanden aufgefallen. Solchem Aberglauben oder fatalem Unwissen versuchen wir mit Aufklärung beizukommen. Man muss sich einmal vorstellen: Für die vier Millionen Einwohner in ganz Westpapua gibt es nur einen einzigen Lungenarzt. Auch deshalb haben wir unsere Crew intensiv zu den Vorsichtsmassnahmen geschult und ihnen u.a. Masken für den kurzen Aufenthalt in der Stadt mitgegeben.

Das Lernzentrum ist wieder geöffnet:

Es ist uns eine grosse Freude, dass wir unser Bildungs- und Umweltzentrum per 01.08.2020 wieder öffnen durften. Seit dem Ausbruch der Pandemie mussten wir unsere Schule im März 2020 bis auf weiteres schliessen und konnten nur noch wenige Schüler im Homeschooling betreuen. Bei uns im Dorf spielt es keine Rolle, ob die Kinder nun zusammen Fussball spielen, fischen gehen oder eben dann auch zum Unterricht kommen. So konnten wir den Betrieb mit gutem Gewissen wieder starten. Nicht nur wir, sondern auch unsere Schülerinnen und Schüler konnten die Wiedereröffnung kaum erwarten. Die Lockdownzeit von rund fünf Monaten, in welcher unsere Schule geschlossen war, konnten wir trotz der schwierigen Situation gut nutzen. So war es uns einerseits möglich, während dieser Zeit ein intensives Homeschool Programm für unsere High-School Studenten, sowie zwei weitere Schüler anzubieten. Ebenfalls konnten wir diverse wichtige Unterhaltsarbeiten verrichten und unsere Organisationsstrukturen festigen. Nun freuen wir uns, dass wir Schritt für Schritt unseren Schulbetrieb mit den entsprechenden Programmen wieder aufnehmen können. Das Bild unten gibt einen Überblick über die aktuell laufenden Aktivitäten.



Unterstützung beim Online-Unterricht

Der Schulunterricht der nationalen Schulen hat per 13.07.2020 ebenfalls wieder gestartet. Jedoch vorerst nur via Online-Unterricht. In der Schweiz hat diese neue Art Unterricht mehrheitlich gut funktioniert, auch wenn es da und dort für alle Beteiligten (Schülerinnen, Schüler, Eltern, Lehrpersonen) grosse Herausforderungen gab. Die Probleme beim Online-Unterricht sind, vor allem in den ländlichen Regionen Indonesiens mit der Schweiz nicht vergleichbar. So besitzen weniger als 3% der einheimischen Familien in Raja Ampat zum Beispiel einen Computer. Die Kids wurden aufgefordert, ihr Handy zu benutzen. Die nächste Hürde dabei ist, dass die meisten Jugendlichen nur Facebook kennen und nicht wissen, was z.B. Google ist bzw. wie man mit diesen Plattformen umgeht. Wie sollte es also möglich sein, Online Tools wie Zoom oder Skype zu nutzen? Dazu kommt, dass das Internetsignal stark schwankt und es manchmal gar nicht möglich ist, eine Internetseite aufzurufen. Des Weiteren sind Internetdatenpakete verhältnismässig sehr teuer und viele Schülerinnen und Schüler, resp. deren Eltern können sich diese Ausgaben gar nicht leisten.


Deshalb haben wir uns entschieden, die Schülerinnen und Schüler welche eine nationale Schule in Waisai besuchen, bei uns im Lernzentrum beim online Lernen zu unterstützen. Jeden Tag, nachdem der Unterricht der Oberstufe und der Grundschule vorbei ist, kommen weitere sechs Jugendliche vom Dorf zu uns. Wir haben vor Ort das Wissen und die notwendige Infrastruktur, dass die Schüler am online Unterricht teilnehmen können. Leider muss man dazu sagen, dass der Unterricht der nationalen Schulen hauptsächlich darin besteht, dass deren Schüler die Schuluniform tragen und nationale Lieder vorsingen können. Von einem Homescooling, wie wir es aus der Schweiz kennen sind, die staatlichen Schulen in Raja Ampat leider weit entfernt.


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